Grünen-Positionen zur Wehrpflicht – Was war die Argumente für die Abschaffung der Bundeswehr und warum wurde davon abgerückt? Die Ethik der Gewaltfreiheit ist eine Ethik der Erhaltung und Entfaltung des Lebens.
(Grundkonsens 1993) „Nur wenn das Recht an die Stelle der Gewalt tritt, kann die Menschheit überleben“, formulierten die neu gegründeten Grünen im ersten
Bundesprogramm 1980 und forderten, die Vereinten Nationen zu stärken und zu einem wirksamen Instrument der Friedenspolitik im Sinne des Selbstbestimmungsrechtes der Völker auszubauen.
Konkret lauteten die Forderungen:
- Kein Vetorecht mehr in der UN
- Abbau der Bundeswehr und des staatlich verordneten Ersatzdienstes
- Förderung freiwilliger sozialer Dienste
- Uneingeschränktes Recht auf Kriegsdienstverweigerung
- Abschaffung des diskriminierenden Gewissensprüfungsverfahrens
Aufgabe des Militärs ist es zu zerstören und zu töten, stellte die Partei im Bundesprogramm 1987 fest. „Nicht Frauen rein, sondern Männer raus aus dem Kriegsdienst ist das Ziel einer emanzipatorischen Friedenspolitik.“ Damit stellten sich die Grünen gegen die erleichterte „militärische Verwendbarkeit von Frauen durch die veränderte Kampftechnologie – Knopfdruck statt Körperkraft“.
Nach der Wiedervereinigung forderten die Grünen im Bundesprogramm 1990 die Streichung sämtlicher Rüstungsausgaben und die Auflösung der Bundeswehr. Eine europäische Friedensordnung könne durch aktive Blockauflösungspolitik einerseits und Intensivierung der blockübergreifenden Zusammenarbeit andererseits konkrete Gestalt annehmen.
Sie schrieben: „Wir müssen raus aus der NATO, weil es mit der NATO keinen Frieden geben kann und die Schwächung, Desintegration und schließliche Aufhebung dieses Militärpakts unabdingbar ist, um Frieden zu schaffen. Friedenspolitik kann nicht auf der Basis von Militärblöcken betrieben werden.“
Alle verurteilten totalen Kriegsdienstverweigerer seien zu amnestieren und alle Pläne zur Einbeziehung von Frauen in den Militär- oder Zivildienst aufzugeben. Und aus heutiger Sicht bemerkenswert:
„Mit ihrer Bereitschaft, substantielle einseitige Abrüstungsmaßnahmen durchzuführen und weitgehende Abrüstungsvorschläge zu machen, sowie mit der Idee von einem ‚gemeinsamen Haus Europa‘, in dem die Blockkonfrontation aufgehoben wird, hat die jetzige sowjetische Führung ein breites Echo bei den Menschen in Ost und West gefunden. Das langjährige Wirken der Friedensbewegung hat Feindbilder abgebaut und dadurch Voraussetzungen für Abrüstung geschaffen. Die internationale ‚Friedens- und Abrüstungsdiplomatie‘ ist in Zugzwang geraten, dem sich auch die NATO nicht mehr mit dem gewohnten Vorurteil entziehen kann, es handle sich ohnehin nur um eine andere Spielart kommunistischer Weltrevolutionspläne.
Trotz dieser guten Voraussetzung müssen die Grünen feststellen: Die NATO-Zentrale sperrt sich weiterhin gegen umfassendere Abrüstungsvorschläge; Aufrüstungsprogramme werden hinter den Kulissen sogar ungebremst fortgesetzt. Dies gilt auch für die Politik der Bundesregierung, die sich öffentlich gern als Motor von Frieden und Abrüstung darstellt, für 1990 aber den höchsten Rüstungshaushalt in der Geschichte der BRD durchgesetzt hat.“

Plakat der Grünen zur Bundestagswahl 1983
Die verlorene Bundestagswahl 1990 und die angestrebte Fusion mit dem Bündnis 90 führten zu einer „realpolitischen Wende“. Zahlreiche Vertreter*innen des linken Flügels verließen die Partei. Auf dem Bundesparteitag 1991 in Neumünster stellte sich Petra Kelly zur Wahl als Vorsitzende – und bekam 39 Stimmen.
Der GRUNDKONSENS hielt 1993 noch fest:
„Die Ethik der Gewaltfreiheit ist eine Ethik der Erhaltung und Entfaltung des Lebens.“
Im wiedervereinigten und -erstarkten Deutschland wehrt sich die Partei zunächst noch gegen die zunehmend expansive und offensive Außenpolitik.
Forderungen aus dem Papier „Reformprojekte Bundestagswahl 1994“:
- Verzicht auf eine NATO-Ausdehnung nach Osten und den Einsatz für eine Entmilitarisierung der „Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik“ der Europäischen Union.
- Beteiligung der Bundeswehr an militärischen Offensivstrategien der NATO und WEU, an nuklearen Einsatzplanungen und an Einsätzen außerhalb des Bündnisgebietes wird abgelehnt.
- Beendigung der Umstrukturierung von großen Teilen der Bundeswehr („Krisenreaktionskräfte“) zu einer weltweit einsetzbaren „Schnellen Eingreiftruppe“.
- Mit der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht und der alternativen Einrichtung von freiwilligen zivilen Friedensdiensten soll die Auflösung der Bundeswehr begonnen werden. Die dann noch verbleibende Bundeswehr aus Berufs- und Zeitsoldaten soll binnen vier Jahren auf die Hälfte reduziert werden.
Noch 1994 heißt es im Bundestagswahlprogramm: „Wir wollen außenpolitische Verantwortung für die Schaffung einer menschenwürdigen Weltgesellschaft und die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen übernehmen.“
Den „Leitgedanken für eine neue Außenpolitik“ stellt es grundsätzliche Kritik am Kurs der Bundesregierung voran: „BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wenden sich gegen die herrschende Politik, in der Deutschland die Rolle einer klassischen Großmacht in der internationalen Politik spielen soll. Sie hat für die heraufziehenden Probleme des 21. Jahrhunderts, die ökologische und soziale und damit Menschheitsprobleme sind, keine konstruktiven Antworten. Ihr „weiter so“ führt in die Katastrophe. Wir müssen damit brechen.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN entstammen den Traditionen der Friedens-, der Dritte-Welt- und der Menschenrechtsbewegungen. Sie fühlen sich verpflichtet den Ideen der Gewaltfreiheit, der globalen Solidarität und der Durchsetzung der Menschenrechte. Daraus folgt ein der herrschenden Politik diametral entgegengesetztes Verständnis von Außenpolitik.“

Plakat der Grünen zur Bundestagswahl 1983
Die Kehrtwende in der Friedenspolitik erfolgte spätestens im Programm 1998 (Damals gehörte u.a. Ralf Fücks zum Bundesvorstand, Joschka Fischer wurde 1994 Sprecher der Bundestagsfraktion und 1998 Außenminister): „Wir wollen entmilitarisieren, aber wir wollen keinen deutschen Sonderweg. Ein einseitiger Austritt Deutschlands aus der NATO ist abzulehnen.“
Für das „Ziel umfassender Sicherheit und Kooperation“ setzen die Bündnisgrünen jetzt auf eine „neue transatlantische Agenda“.
Die Abschaffung der „allgemeinen“ Wehrpflicht wird gefordert, denn eine zu versorgende Armee aus hunderttausenden (eher unmotivierten) Wehrdienstleistenden ist teuer und nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen wollen die Grünen auf eine schlagkräftige Freiwilligenarmee umstellen.
Dem Eintritt in die Regierung Schröder folgt im Jahr 1999 der Kosovo-Krieg und 2001 die Invasion in Afghanistan.
Hier positionierten sich die deutschen Grünen nicht nur für die völkerrechtswidrige NATO-Intervention. Als Regierungspartei trugen sie einen wesentlichen Teil der politischen Verantwortung für die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg und bespielten in der Person von Außenminister Joschka Fischer die Argumentation „Verteidigung der Menschenrechte“. Die Beteiligung der maßgeblich aus der Friedensbewegung hervorgegangenen Grünen trug dazu bei, in der Bevölkerung Akzeptanz für die erste aktive Kriegsbeteiligung mit deutschen Truppen nach 1945 herzustellen.
Auf dem Parteitag hatte sich der Bundesvorstand mit einem Antrag zum Kosovo-Krieg gegen die Parteilinke durchgesetzt. Die Forderungen der Parteilinken für einen unbefristeten und bedingungslosen Stopp der Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien fanden nach kontroverser und emotional aufgeladener Debatte mit 318 zu 444 Stimmen keine Mehrheit. Es folgte der Austritt zahlreicher Mitglieder.
Auch die Zustimmung zur Invasion in Afghanistan wurde 2001 mit dem Argument der Bündnistreue und des Kampfes gegen Terrorismus hergestellt. In Folge der weltweiten Bewegung zur Verhinderung des Irakkriegs – einschließlich der bisher größten Friedensdemonstration über 72 Länder im Februar 2003 – gelang es, die Beteiligung an der US-geführten „Koalition der Willigen“ zur Invasion des Irak zu verhindern. Die rot-grüne Koalition machte sich diese Ablehnung der Regime-Change-Intervention im Wahlkampf 2002 zu eigen (Kanzler Schröder: „Solidarität ja – Abenteuer nein“) und wurde erneut gewählt.
Grundsatzprogramm 2002
„Völkermörderische oder terroristische Gewalt“ (wie auch immer man diese definiert) erlaube Ausnahmen von der Gewaltfreiheit. Die „Durchsetzung der Menschenrechte“ wird zur Legitimierung und moralischen Verbrämung für Einmischung in andere Staaten reklamiert.
Betont wird die Stärkung „kollektiver Sicherheit“ durch Integration im transatlantischen Bündnis samt dem „dauerhaften amerikanischen Engagement in Europa“ und hier stationierten US-Atomarsenalen.
Entsprechend stellt das Programm klar: Die Bildung gemeinschaftlicher Eingreiftruppen soll nicht zur Schaffung einer neuen militärischen Großmacht Europäische Union führen.
Der „Grundrechtseingriff der Wehrpflicht“ sei angesichts der grundlegend veränderten Aufgaben der Bundeswehr nicht mehr legitimierbar.
Im Wahlprogramm 2002 rückt ein „dauerhafter Frieden“ ans Ende des Programms. Jetzt heißt es nicht mehr: Bundeswehr abschaffen, sondern: „Bundeswehr verändern“.
Die „internationale Friedenssicherung“ erfordere eine Weiterentwicklung der bisherigen Reform der Bundeswehr. Gemäß den Vorschlägen der Weizsäcker-Kommission soll die Bundeswehr deutlich verkleinert und die Wehrpflicht abgeschafft werden.
Im Bundestagswahlprogramm 2005 heißt es: „Der Umbau der Bundeswehr für internationale Krisenbewältigung war überfällig.“
Die Wehrpflicht sei sicherheitspolitisch nicht mehr zu rechtfertigen (keine Bedrohung in der Nachbarschaft). „Deshalb streiten wir für ihre Abschaffung und wollen sie durch einen freiwilligen flexiblen Kurzdienst ersetzen.“
2011 wird unter der schwarz-gelben Koalition unter Zustimmung der Grünen die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt. Zugleich wird ein freiwilliger Wehrdienst von sechs bis 23 Monaten geschaffen, der Männer und Frauen gleichermaßen offensteht. Bis zu 15.000 Freiwillige sollen in Zukunft neben den Zeit- und Berufssoldaten in der Bundeswehr dienen.
Seit 2018 gibt es mit Annalena Baerbock und Robert Habeck erstmals eine Realo-Doppelspitze. Das Grundsatzprogramm 2020 gibt einen Vorgeschmack auf die neue Bedeutung und Rolle der Bundeswehr in einer erneut kriegstüchtigen Gesellschaft: „Die Prinzipien der „Inneren Führung“ und der „Staatsbürger*innen in Uniform“ binden die Soldat*innen an die Gesellschaft und die Werte und Normen des Grundgesetzes. Eine Bundeswehr, die fest in unserer Gesellschaft verankert ist, muss die Vielfalt der Gesellschaft abbilden. Das betrifft den Anteil von Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, mit und ohne Migrationserfahrung, von People of Color sowie von Frauen, die in der Bundeswehr beschäftigt sind.“
Getötet wird künftig wertegeleitet: „Die Innere Führung vermittelt diese Werte: Dazu zählen Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität und Demokratie. Sie sind stets fester Bestandsteil in der Aus- und Weiterbildung der Soldaten, setzen die Soldaten doch im äußersten Fall für diese Werte ihr Leben aufs Spiel.“
Das Bundestagswahlprogramm 2021 leistet den Schwur: „Deutschland soll sich auf seine Bündnispartner verlassen können und genauso sollen sich die Bündnispartner auf Deutschland verlassen können. Dazu gehört auch, dass die Bundeswehr entsprechend ihrem Auftrag und ihren Aufgaben personell und materiell sicher und planbar ausgestattet und bestmöglich organisiert sein muss.“
2 Kommentare
Das Dilemma fängt schon bei der Vereidigung an,
Der Soldat wird dadurch an den Interessen des
Staates gebunden. Ich wurde in Jungen Jahren
Vereidigt, Ich war Teil der Sanitätstruppe. Müsste
ggf nur zur Selbstverteidigung eine Waffe benutzen.
Die ich mit der heutigen Reife nie wieder benutzen will.
Nie wieder sollten Menschen unter gewissen Zwang
Zur Waffe greifen müssen.
Nein zur Wehrpflicht!
Die Wehrpflicht erfüllt alle Kriterien der Sklaverei:
Unterstellung des eigenen Willens unter einen Befehl, Einsatz an einem nicht frei bestimmten Ort, Einsatz des Lebens und der Gesundheit für Zwecke, die nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen, Verbot der Flucht, Strafen bis zum Tod bei pflichtwidrigem Verhalten.
Deshalb meiner Meinung nach Verfassungswidrig, weil Verstoß gegen Grundrechte.
Sinnigerweise wurde die Wehrpflicht nicht in der Demokratie ersonnen, sondern in der französischen Revolution (levée en masse – Massenaushebungen). Mit dem Aufkommen der Wehrpflicht wurden die Heere für die Machthaber billiger, weil nur noch die Offiziere bezahlt werden mussten.